Krankenhaussozialdienst im Krisenmodus: Forschungsprojekt untersucht Auswirkungen und Chancen der Pandemie für die Sozialdienste in Kliniken in OWL

Wie wirkt sich die COVID-19-Pandemie auf den Sozialdienst in den Krankenhäusern in OWL aus? Welche Veränderungsdynamiken haben sich seit März 2020 für die Zusammenarbeit der Sozialarbeiterinnen und -arbeiter mit den anderen Berufsgruppen in Pflege, Therapie und Medizin ergeben? Diese Fragen stehen im Fokus eines neuen  Forschungsprojektes der Fachhochschule (FH) Bielefeld in Kooperation mit dem Klinikum Bielefeld, dem Evangelischen Klinikum Bethel sowie der Deutschen Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e.V. (DVSG).

Die Soziale Arbeit ist ein wesentlicher Bestandteil des interdisziplinären Teams im Krankenhaussozialdienst. Zu den Aufgaben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören die (psycho-)soziale Beratung der Patientinnen und Patienten und der Angehörigen. Sie unterstützen dabei, passende Hilfsquellen zu finden und entsprechende Kontakte zu knüpfen. Sozialrechtliche Ansprüche durchzusetzen, steht ebenso auf der Tätigkeitsliste wie das Einschreiten in alltagsbezogenen Krisensituationen. Insbesondere unterstützen die Sozialdienstmitarbeitenden bei der Bewältigung von Erkrankung und den daraus resultierenden Folgen, wie beispielsweise Arbeitsunfähigkeit. Ziel ist es, den Patientinnen und Patienten auch nach dem Klinikaufenthalt trotz gesundheitlicher Einschränkung die Teilhabe am Leben und die Rehabilitation zurück in den Alltag zu ermöglichen.

Die Projektleiterin an der FH Bielefeld, Prof. Dr. Anna Lena Rademaker, erläutert, welchen weiteren Schwerpunkt der Krankenhaussozialdienst abdeckt: „Mit Blick auf den Zugang zu Sozialleistungen wie Rehamaßnahmen, Arbeitslosengeld, Wiedereingliederungshilfe oder Betreuung von Angehörigen, obliegt dem Sozialdienst eine wichtige Funktion als Türöffner: Er begleitet den Aufenthalt von Beginn der Behandlung bis zur Entlassung und kooperiert dabei mit den Patientinnen und Patienten, dem medizinischen Personal, Angehörigen und Leistungsträgern. Die Bewältigung gesundheitlicher Problemlagen hängt eng mit sozialen Faktoren zusammen. Eine professionelle Beratung und Begleitung von Patientinnen und Patienten kann sich auf deren Lebensqualität und die anhaltende Wirkung der medizinischen Behandlungen auswirken.“

Die Chancen der Krisendynamik nutzen

Doch in der Pandemie wurde der Sozialdienst teils bis an die Grenzen der Belastbarkeit gefordert. „Wobei Überlastungen schon vor Corona keine Seltenheit waren“, stellt Rademaker  fest. Doch Corona brachte auch Neuerungen und Chancen: „Gleichzeitig sahen sich die Mitarbeitenden in zuvor nie dagewesener Art mit flexiblen, insbesondere digitalen Möglichkeiten der Versorgung von Patientinnen und Patienten konfrontiert und haben diese innovativ aufgegriffen“, so die Professorin vom Fachbereich Sozialwesen der FH Bielefeld. Welche Chancen sich aus diesen dynamischen Veränderungsprozessen für die Zukunft ergeben, möchte die Professorin für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen in dem neuen Projekt  „postCOVID@owl“ herausfinden: „Unser Ziel ist nun, diese Veränderungen wissenschaftlich zu erfassen, um daraus Erkenntnisse für eine zukunftsfähige patient*innenorientierte Versorgungslandschaft in der Modellregion OWL zu generieren. Hier denke ich zum Beispiel an neue Möglichkeiten der Teleberatung oder der digitalen Zusammenarbeit im Team.“ Mit dem partizipativ angelegten Projekt möchte sie gemeinsam mit den Fachkräften Transformation im Gesundheitswesen gestalten.

Die Steuerungsgruppe des Projekts besteht neben dem Forschungsteam der FH Bielefeld aus der Leiterin des Sozialdienstes im Klinikum Bielefeld, Daniela König, und der Leiterin der Sozialberatung im Evangelischen Klinikum Bethel, Beate Lanwehr-Möller. In der Steuerungsgruppe werden alle den Forschungsprozess betreffenden Entscheidungen diskutiert und gemeinsam beschlossen.

Krankenhaussozialdienst als kommunikative Schnittstelle

Daniela König, Leiterin des Sozialdienstes im Klinikum Bielefeld und Mitglied der Steuerungsgruppe, erklärt: „Mit Beginn der Corona-Pandemie wurde das Gesundheitswesen vor neue Herausforderungen gestellt. Dies betrifft einerseits bürokratische Vorgaben aber auch neue Wege der Kommunikation und Beratung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Sozialdienst waren besonders in den ersten Monaten fast täglich in ihrem Arbeitsalltag mit Veränderungen konfrontiert, denen sie mit einer großen Kreativität begegneten.“ Gerade während der Kontakteinschränkungen und der damit verbundenen sozialen Isolation war der Krankenhaussozialdienst eine wichtige kommunikative Schnittstelle zwischen Patientinnen und Patienten, Angehörigen, Pflegenden und ärztlichem Personal. „Ich finde es wichtig, die Bedeutung der Sozialen Arbeit im Gesundheitswesen als auch die Veränderungsdynamiken und die langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf die Soziale Arbeit im Krankenhaus sichtbar zu machen, um einerseits neue Wege zu sichern und auszubauen. Ebenso wichtig ist es aus meiner Sicht, die Wirkung Sozialer Arbeit als wesentlichem Bestandteil der interdisziplinären Behandlung wissenschaftlich zu betrachten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, ergänzt Daniela König.

Beteiligung am Forschungsprojekt ist erwünscht

In dem zweijährigen Projekt sollen Fachkräfte der Sozialdienste aus Akutkrankenhäusern in OWL mit besonderem Fokus auf die Profession Soziale Arbeit über die  Veränderungsdynamiken seit März 2020 rückblickend interviewt werden. Außerdem können Sozialdienstmitarbeitende aktuelle Entwicklungen mit Auswirkung auf ihre Arbeit in Form von ethnografischen Audio-Tagebüchern festhalten, die von den Forschenden verschriftlicht und analysiert werden. Eingebunden werden sollen Fachkräfte in Sozialdiensten und Sozialberatungen der Akutkrankenhäuser in Bielefeld sowie den Kreisen Lippe, Gütersloh, Paderborn, Herford, Minden-Lübbecke und Höxter. Eine Beteiligung ist jederzeit möglich.
Weitere Informationen finden Sie hier. Die Ergebnisse sollen mit beteiligten Sozialdiensten in Workshops diskutiert werden und in ihre Praxis einfließen. Sie dienen außerdem der Ableitung von Handlungsempfehlungen für die Konzeption des neuen Versorgungszentrums für Gesundheit, Soziales und Technologie der FH Bielefeld, CareTech OWL.
Durch die enge Kooperation mit den Kliniken in OWL und das partizipative Forschungsdesign soll zudem die Kooperation zwischen den beteiligten Sozialdiensten und damit eine vernetzte „community of practice“ für eine zukunftsträchtige Versorgungslandschaft in und nach der Pandemie gefördert werden.

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